Hin und wieder zurück

So schwer es Patient F. auch gefallen ist, am Sonntag musste die Heimreise angetreten werden. Damp hatte zum Schluss noch ein kleines Geschenk zu bieten. Die Schranke des Parkplatzes war offen und ersparte so glatte 20 Euro. Kein Vergleich zu den 200, die Patient F. in den Wochen zuvor für das Privileg opfern musste, sein Fahrzeug auf einem einigermaßen sicheren Abstellplatz zu installieren. Doch der kostenlose Parkplatz weit vor den Toren der Kuranlage soll sehr unsicher sein und oftmals werden dort die abgestellten Autos aufgebrochen oder mutwillig zerstört.

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Ein letzter Blick auf Damp.

Wie auch immer, die Heimreise dauerte wieder rund acht Stunden und war im Großen und Ganzen problemlos. Allerdings war Patient F. verblüfft, wie viele Urlauber an einem solchen Sonntag unterwegs sein können. Und wie viele Wohnwagen, Wohnmobile und ähnliche Gefährte auf Deutschlands Straßen unterwegs sind. Fast so viele wie Baustellen den Verkehr behindern. Zudem scheiterte über weite Strecken der Versuch, an einer Raststätte Halt zu machen. An der gesamten Nord-Süd-Strecke waren alle Plätze hoffnungslos überfüllt. Erst kurz vor Frankfurt, als die nach Süden Reisenden eine andere Abzweigung genommen hatten, gelang es, eine Tankstelle anzusteuern. Wie auch immer, Patient F. ist wohlbehalten zurückgekehrt.

Bilder, die man sonst nur im Fernsehen sieht, erlebte Patient F. auf der Fahrt. Ein brennender Reisebus ist ein ziemlich unheimlicher Anblick. Bei der Vorbeifahrt kamen schwarze Rauchwolken aus dem Motorbereich des Fahrzeugs und Flammen schossen gegen den Himmel. Die Insassen hatten sich zum Glück in sicherer Entfernung retten können. Später meldete das Radio, dass der Bus völlig ausgebrannt war. Unglücksursache unbekannt.

Die ersten Tage in der alten Heimat sind wieder vergangen und die Klimaumstellung fällt Patient F. immer noch schwer. Dennoch kam der alljährliche Geburtstag bei strahlendem Sonnenschein und brütender Hitze an den Tag. Das Geburtstagsprogramm von Patient F. war eher unspektakulär. Zunächst am frühen Morgen ein Termin beim Lieblingsfriseur, wo ausgiebig über den Kurerfolg geplaudert wurde. Am Nachmittag dann erstmals nach fünf Wochen wieder Besuch bei den Krankenschwestern in der Kreis- und Universitätsstadt H. Dort wurde Patient F. mit großem Hallo begrüßt. Besonders, da niemand an diesem Tag mit ihm gerechnet hatte. Zum Glück war noch ein Dialyseplatz frei und so ging alles nach kurzer Vorbereitungszeit seinen gewohnten Gang.

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Zukünftig ohne Patient F.: die Schlange im Fitnesscenter in Damp

Dann noch Besuch bei den Eltern. Besonders Patient F.s Mama ist überglücklich, dass der verlorene Sohn endlich wieder daheim ist. Die beiden Urlaubswochen des fleißigen Mannes sind jedoch komplett von Mamas Plänen belegt. Zumindest an den Tagen, an denen kein Besuch im Dialysezentrum notwendig ist. Schließlich zum Abschluss des Jubeltages Treffen mit Künstler Irgendlink in der Tapas-Bar in H. Dort kocht Kollege T., der die beiden Herren freudig begrüßte. Wer hätte gedacht, dass die nachfolgenden Stunden so erkenntnisreich verlaufen würden? Herr H., ein Original der Stadt, unterhielt die Gäste mit unsäglichem Gesang und Gitarrenspiel. Der nicht mehr ganz junge Mann erwies sich als überaus kreativ und fantasievoll. Besonders, wenn es um die Erlangung von Freigetränken und kostenlosen Zigaretten ging. Da Wirt T. ein durch und durch gutmütiger Mensch ist, fühlt sich Lebenskünstler H. in seinem Lokal besonders wohl Und erzählt von abenteuerlichen Plänen. Beispielsweise, dass er ein Lokal in H. übernehmen wolle, in dem er nur Guinessbier in Dosen ausschenkt. Bis es soweit ist, öffnet er seinen Verkaufsstand an jedem Donnerstag auf dem Marktplatz von H. und spielt dazu auf seiner Gitarre. Singen will er auch noch. Man sollte H. also an diesen Tagen in nächster Zeit meiden.

Patient F. lernte auch noch Universaltalent T. kennen. Der betreibt ein Kaffemobil und ist damit recht erfolgreich. Eine italienische Ape wurde hierzu mit entsprechender Bemalung versehen und mit einer professionellen Kaffeemaschine ausgestattet. Seitdem gibt es bei Freiluftfesten neben Bier und Schnaps auch hochwertige koffeinhaltige Heißgetränke. Derweil konnte man auch Skandalpolitikerin S. beobachten, die sich unter die Gäste gemischt hatte. Kurz, es reifte die Erkenntnis, dass man es als Wirt mit einem Panoptikum seltsamer Menschen zu tun hat. Ein wirklich interessanter Beruf, dass muss Patient F. eingestehen.

Zwischen den Meeren

Die Zeichen des Schicksals mehren sich, dass Patient F. die Heimreise antreten muss. Nachdem er nachweislich vier Wochen völlig saarländerfrei verbringen durfte, übermannte ihn kürzlich ein Erlebnis beim Abendessen, das Patient F. ausnahmsweise alleine einnehmen durfte. Plötzlich erklang von einem der Nachbartische eine laute Stimme. Ein Idiom, das Patient F. nur zu gut kennt. Schätzungsweise aus Püttlingen kam die mittelälterliche Frau, die auf ihre fassungslos blickenden Tischgenossen einredete. Fassungslos nicht etwa ob des sensationellen Inhalts des Vortrags, vielmehr aus völligem Unverständnis des Wortschwalls, welcher der Dame aus heimatlichen Gefilden nur so von den Lippen sprudelte.

Heute dann das erste Auto mit Saarland-Kennzeichen, das Patient F. seit Ankunft hier in Damp zu Gesicht bekommt. Es passierte auf dem Weg zurück von einem spannenden Ausflug, der quer durchs Land führte, als im Verkehrskreisel ein Fahrzeug mit SLS-Kennzeichen den Weg von Patient F. kreuzte. Also, die Botschaft ist unzweideutig: Patient F. wird als Journalist F., als Kulturorganisator F. oder als weltberühmter Autor F. in seiner Heimat gebraucht. Aber er wird auch Patient F. bleiben. Schließlich warten die Schwestern der Dialysestation im saarländischen Universitätsstädtchen H. schon ungeduldig auf seine Rückkehr.

Erstmals verbrachte Patient F. übrigens einen Urlaub, in dem er an den Gestaden zweier Meere stand. Denn nur 70 km Fahrt über schmale Landstraßen waren notwendig, um zur Stadt Husum an der Nordseeküste zu gelangen. Interessanterweise war gerade am Vorabend eine Dokumentation über Husum und die Umgebung im anspruchsvollen Bildungs-TV ausgestrahlt worden. Jetzt konnte Patient F. also live erleben, was über den bunten Bildschirm geflattert war.

Um es gleich vorweg zu sagen, der Kameramann war kreativ und geschickt. Denn in Wahrheit sieht alles deutlich weniger dramatisch aus als zu später Nachtstunde im TV. Zunächst wollte Patient F. das Meer sehen und lenkte sein Fahrzeug daher zu Insel Nordstrand, die nur wenige Kilometer von Husum gelegen ist. Insel ist allerdings eher eine Beschreibung der Vergangenheit. Einst war Nordstrand nämlich Teil einer großen Landmasse namens Strand, die bei einer legendären Sturmflut zunächst im 14, und dann endgültig im 17. Jahrhundert vom Meer verschluckt worden war. Auch die sagenumwobene Stadt Rungholt lag vor der heutigen Küste der Insel. Ein breiter Damm führt bereits seit den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts zur Insel. Und 1987 hat man dem Meer so viel Land abgerungen, dass Nordstrand zur Halbinsel wurde und die Fahrt dorthin ein Kinderspiel ist. Landschaftlich führt diese Reise durch eine überdimensionale Wiese, auf der unzählige Schafe und Kühe weiden. Jetzt, wo sich das Gras gelb und verdorrt präsentierte, fühlte man sich an das Märchen „Die Regentrude“ erinnert, die laut ihrem Verfasser Theodor Storm einst einschlief und das Land dem Feuermann überließ.

Dunst ist die Welle,

Staub ist die Quelle!

Stumm sind die Wälder,

Feuermann tanzet über die Felder!

 

Nimm dich in acht!

Eh du erwacht,

Holt dich die Mutter

Heim in die Nacht!

Heißt es in der Geschichte, in der Storm wohl seine Heimat beschrieb, die genau in der von Patient F. besuchten Gegend lag.

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An der Nordseeküste, ausnahmsweise mal bei Flut

Am Ende der Reise gelangte Patient F. zum Hafen, in dem ein Schiff auf Inselkreuzfahrt gerade auf Reisen ging. Schade, dass der begeisterte Schifffahrer nur wenige Minuten zu spät kam, um eine fünfstündige Reise nach Pellworm, Föhr und Sylt zu unternehmen.

Daher ging es zurück nach Husum, die der berühmteste Sohn des Ortes als „Graue Stadt am Meer“ bezeichnete. Was Theodor Storm (1817-1888) über die Stadt schrieb, in der er geboren wurde und einen großen Teil des Lebens verbrachte, war eine herbstliche Impression. Jetzt bei sommerlichem Sonnenschein wirkte der Ort deutlich freundlicher. Repräsentative Bürgerhäuser säumten die Straßen und auch das Elternhaus von Storm war schnell gefunden. Dennoch fällt es leicht, sich vorzustellen, wie Husum wirkt, wenn herbstliche Nebelbänke die Straßen bedecken und kalter Wind den Aufenthalt im Freien unangenehm macht.

BildHusum gibt es schon lange Zeit…

Um sich vom anstrengenden Ausflug auszuruhen, nahm Patient F. in einem Eiscafé  Platz, das leider nur Waren von mäßiger Qualität anbot. Gegenüber dem Tisch im Freien, an dem der tapfere Reisende Platz genommen hatte, war ein großer Marktstand aufgebaut, der Obst und Gemüse feilbot. Ab und an drang aus Richtung dieses Wagens eine schrille, männliche Stimme, die Worte blieben völlig unverständlich. Es stellte sich heraus, dass die bäuerlichen Betreiber des Marketenderwagens ihren ebenso alten wie senilen Großvater dabei hatten. Und der tat das, was er seit Jahrzehnten getan hatte: er pries die Waren an. Sein Geisteszustand erlaubte es ihm nicht mehr, sprachliche Rücksicht auf die fremden Besucher seiner Stadt zu nehmen.

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Elternhaus von Theodor Storm

Schon nach kurzer Zeit entfloh Patient F. dem innerstädtischen Treiben, das nicht nur durch die wenigen Einheimischen, sondern auch durch die Touristenmassen hervorgerufen wurde. Das erkannte man unter anderem an den Andenkenläden, die unglaublich hässliche und unnütze Dinge verkaufen. Aschenbecher und anderes Geschirr mit bunten Bildern von der Nordsee, lustige Tierfiguren, vorzugsweise Robben und Möwen, Bilder im Rahmen zur Verschönerung der heimatlichen Wohnung und andere Dinge, deren Sinn und Zweck sich nicht auf den ersten Blick erkennen lässt. Patient F. betrat diesen Laden nur um eine Danke-Karte für die Dialyse zu kaufen. So viel zu seiner Verteidigung.

Zurück zum Patientenfahrzeug und vorbei am Elternhaus von Storm. Dann das zugegebermaßen recht eigenwillige Navigationsgerät programmiert und los ging es durch Gassen und enge Straßen, jenseits der viel befahrenen Wege. Zum Glück, denn auf diese Art kam Patient F. auch am Schloss von Husum vorbei. Dem größten in Norddeutschland, umgeben von einem verwunschenen Park.

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Schloss von Husum, nicht mehr ganz neu

Auf dem Rückweg über verschlungene Landstraßen, welche die Federung des Autos arg auf die Probe stellten, noch einen Abstecher zu Lidl. Schließlich brauchte Patient F. ein paar Kleinigkeiten zum Nachtessen. In Damp war das Büffet wegen Zeitverpassens gesperrt. Zum Abschluss des Tages gemütlich eine weitere Folge von „Der Landarzt“ im Fernsehen angeschaut. Schließlich spielt die Handlung genau in der Gegen um Damp. Wobei man das Ferien- und Kurparadies niemals zu sehen bekommt. Denn zur Ostseeromantik passen nun einmal mit Reet gedeckte Häuser besser als futuristische Architekturvisionen der 70er-Jahre.

Herz, was willst du mehr?

Eines muss man den Dialyseärzten in Damp lassen, sie sind gründlich und arbeiten mit Sorgfalt. Beim Anblick des gestressten Patient F. beschlossen sie daher, ein 24-Stunden EKG gemeinsam mit einem ebenfalls 24-Stunden funktionierenden Blutdruckmessgerät an ihren neuen Dialysepatienten anzuschließen. Sehr zur Enttäuschung der Mediziner waren die Untersuchungen ohne krankhaften Befund. Denn, man wollte es nicht glauben, denn schließlich misst Patient F. deutlich über 25 BMI. Das heißt, unglaubliches Übergewicht, dass man mit allen Mitteln bekämpfen muss. Patient F. schwieg daher wohlwissentlich über den Vorschlag, den die Oberärztin der Klinik in Homburg, Patient F.s Stammdialysestation, gemacht hat. Warum, so schlug sie gut gelaunt vor, ließe sich der übergewichtige F. nicht einfach den Magen entfernen. Im Städtchen Z. würde man diese Operation quasi am Fließband durchführen. Der Vorschlag war ernst gemeint. Und vielleicht hätten die Heilspezialisten in Damp die Idee begeistert aufgenommen und Patient F. direkt in das der Rehaklinik angeschlossene Ostseekrankenhaus eingewiesen…

Wie auch immer, da die hiesigen Internisten nichts vom blutigen Vorschlag wussten, kamen sie nur auf die Idee, ein Herzultraschall anzuordnen. Dies sollte an diesem Morgen geschehen. Nach der Untersuchung war die etwas missmutig wirkende Ärztin erstaunt, warum sie diese Prozedur durchführen musste. Denn alles war perfekt in Ordnung.

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Der Beweis: Meeresblick vom Zimmer Patient F.s!

Kein Wunder also, dass die letzten Tage in Damp für Patient angebrochen sind. Fünf Wochen sind genug. Abgesehen davon, es wird langsam ungemütlich hier. Denn immer größere Massen sonnenhungriger Urlauber mit knapper Reisekasse bevölkern Strand und Hafen. Auch die Bevölkerung des Umlandes kommt hierher, denn es wird entgegen sonstigen Gewohnheiten keine Kurtaxe erhoben. So wird ein Spaziergang zum unschönen Abenteuer, je näher man zum Wasser kommt. Im Grunde die Wirklichkeit gewordene Sendung des Harz-IV-TV, das Patient F. während der Dialysestunden so gerne konsumiert. Am Strand von Damp findet man „Familienfälle“, „Mitten im Leben“ gleichermaßen wie „Unter Verdacht“ oder ähnliche Formate. Man glaubt jeden Augenblick, Richter Hold oder seine Kollegin Barbara Salesch kämen in Robe um die Ecke, um eine Sitzung am Sandstrand unter freiem Himmel  zu zelebrieren.

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Dreimaster am Pier vom Damp

Erstaunlich, dass Damp auch interessant für maritim Interessierte ist. Heute lagen am Pier zwei beachtliche Dreimaster und warteten auf guten Wind, um in die Welt zu reisen. Hunde suchte man am Hafen heute wieder vergebens. Sie scheinen wirklich in Schweden gelandet zu sein. Pipi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga werden sich freuen.

Fischgeschichten

Manchmal passieren ungeplante Dinge. Wie heute Abend zum Beispiel. Während Patient F. noch darüber sinnierte, welche Wurst und welchen Käse es beim Abendbüffet geben wird und ob es dieses Mal statt geschmacksneutraler Eiersalat ebensolcher auf Heringsbasis serviert würde, fiel er aus unerfindlichen Gründen ins Wachkoma. Erst zwei Stunden später erlangte er gut ausgeruht das Bewusstsein. Viel zu spät fürs Abendessen. Denn, wie Patient F. bereits berichtete, herrschen militärisch strenge Zeitpläne für die Nahrungsaufnahme.

Was also tun? Auf jeden Fall zunächst einmal einen Abendspaziergang unternehmen. Der führte tranceartig zum Ostseerestaurant, wo Patient F. an einem der Außentische Platz nahm und den Anblick von Meer und Yachthafen genoss. Auf der Speisekarte bot sich eine verführerische Auswahl. Eigentlich hätte Patient F. nach fünf Wochen große Lust auf Schnitzel mit Pommes Frites gehabt. Allerdings siegte die Vernunft und die Neugierde. Daher wurde bei der freundlichen Kellnerin der „Damper Fischteller“ bestellt. Eine Auswahl aus Ostseemeeresgetier und einer kleinen, aber feinen Gemüsebeilage – abgestimmt auf die Eiweißration auf dem Teller. Um es gleich vorweg zu sagen, es war die richtige Wahl und Patient F. genoss dieses überraschende Abendessen nebst einem abschließenden Espresso.

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Damper Fischteller mit Meeresgetier aus der Ostsee – bevor er von Patient F.
verspeist wurde.

Warum auch die Einheimischen die allsommerliche Touristeninvasion politisch höchst inkorrekt als „Russenurlauber“ bezeichnen, wie Patient F. heute während der Physiotherapie erfuhr, war während der köstlichen Mahlzeit unverkennbar. Zwar liegt das Ostseerestaurant direkt am Hafen, muss aber leider zwischen den Tischen im Außenbereich einen Durchgang für Fußgänger bieten. Von dem damit verbundenen ebenso lauten wie hektischen Treiben hätte sich Patient F. nicht einmal allzu sehr stören lassen. Der Nachwuchs einer im Innenraum speisenden Familie, bestehend aus fünf Mädchen und Jungen im Alter zwischen sechs  und zwölf Jahren, erlitt regelmäßig Anfälle des weit verbreiteten ADS-Syndroms. Daher stürmten sie aus dem Lokal in Richtung Wasser, wobei sie jedes Mal den Weg vor dem Tisch des stilvoll speisenden Patient F. nahmen. Um dies zu verhindern, rückte besagter Gast die ihm gegenüberliegenden Stühle so weit zurück, dass absolut kein Durchgang mehr möglich war. Was die Teufelsbrut keinesfalls daran hinderte, die Sitzgelegenheiten lautstark zur Seite zu schieben und weiterhin die Lücke vor Patient F. für ihre unkontrollierten Bewegungsspiele zu nutzen. Wer jetzt sagte „Es sind doch noch Kinder!“, der möge bedenken, dass zwischenzeitlich auch der Erzeuger des Fünfergespanns denselben Weg wie seine bewegungsgestörter Nachwuchs nahm.

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„Yuu mummu muuuve id!“ – Stimmung am Damper Erlebnisstrand

Allerdings waren heute erstaunlich wenige Hunde unterwegs. Wahrscheinlich wurden sie mittlerweile von einer überraschenden Monsterwelle ins Meer gespült. In wenigen Tagen wird die schwedische Küste sicherlich eine Hundeinvasion erleben. Was Probleme aufwerfen dürfte. Denn die Hunde verstehen nur die deutsche Sprache. Ein Dilemma.

Wohin die Massen der ausgelassenen Touristen strömten, war leider nicht zu überhören. Am Nordstrand – also der ohne Hunde – hatte ein DJ-Knäblein seine Gerätschaften aufgebaut und beschallte die Gegend mit ohrenbetäubenden Rhythmen. Drumherum eine Traube von wippenden, hüpfenden und gestylten Menschen, meist jüngeren Alters, denen die Musik gar nicht laut genug sein konnte. Patient F. blieb nur noch die Flucht ins ruhige Kurappartement. Doch vor dem Balkon tobt permanent eine Gruppe Jugendlicher, die ihren Frust über die Teilnahme am elterlichen Urlaub mit alkoholischen Flüssigkeiten ertränkt haben. Ein lustiger Abend im Touristenparadies Damp.

Kinder, Hunde, Badefreuden

Man sagt, Deutschland sterbe in naher Zukunft aus. Viel zu wenige Kinder würden geboren. Sollte das wirklich stimmen, dann sind alle Kinder der Republik derzeit in Damp. Zumindest alle zwischen null und zwölf. Danach fahren die Kids lieber ohne Eltern an den Strand von Mallorca. Dennoch, vereinzelt sieht man auch missmutige Jugendliche, die gelangweilt hinter ihren genervten Erzeugern hertrotten. Noch finsterer wird die Mine, wenn das Familienidyll ein Fünfjähriger auf seinem Horrorroller umrundet. Was kann uncooler sein, als spät geborene Geschwister. Zu der Zeit gezeugt, als Papa sich endlich traute, den Arzt nach den tollen blauen Pillen zu fragen.

Auf jedes Kind in Damp kommen drei Hunde. Jedenfalls gefühlt. Daher gibt es auch einen eigenen Hundestrand, wo sich die haarigen Freunde des Menschen hemmungslos im Wasser tummeln. Manch kleines Exemplar dieser Gattung hat schon arge Probleme, wenn es mit letzter Kraft durchs seichte Wasser paddelt und gegen riesige Wellen ankämpft, die tobende Kinder – wahlweise Hunde – gerade erzeugt haben. Grillfreunde können an diesem Strand ihre Kenntnisse testen. Wie lange dauert es noch, bis dieses reglos im Sand liegende Pärchen gar ist? Knusprig braun sehen sie schon aus, im Gegensatz zu Patient F., der trotz Sonnenbestrahlung seine vornehme Blässe konsequent beibehält.

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Baden gehört zum Urlaub. Und Fahrradfahren. Das ist für Fußgänger ein lebensbedrohliches Phänomen. Denn gerade Senioren glauben bis ins hohe Alter fit zu sein. Daher schwankt man abenteuerlich auf dem schönen Leihfahrrad durch die Welt. Ganz gleich, ob Autoverkehr oder Fußgänger den Weg kreuzen. Während Opa mit stoischer Ruhe sein Gefährt durch Feld, Wald, Wiesen und leider auch Straßen lenkt, erkennt man ältere Einsteigerinnen in die Kunst der zweirädrigen Fortbewegung an ihrem panischen Gesichtsausdruck. Kein Wunder, wenn sie in diesem Zustand vergessen, wo bei ihrem Gefährt die Bremsen eingebaut sind.

Man erkennt, eine Kur ist gefährlich. Radfahrer, Nordic-Walker, Rollatoren, diverse Gehhilfen oder Rennrollstuhlfahrer gefährden die körperliche Unversehrtheit von Patient F. Der wahre Krieg der Verkehrsteilnehmer tobt nicht auf der Autobahn, sondern in der Rehaklinik!

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Wellnessstress

Heute ist echter Wellnessstress angesagt. Gleich um acht Uhr geht es los mit Muskelaufbau an den bekannten Foltergeräten, wie sie in jedem modernen Fitnessstudio stehen. In den Krafträumen in Damp geht es zu wie im Ameisenhaufen. Ständig kommen und gehen geplagte Menschen, hinken tapfer zur Hantelbank, rollen mit dem Rollstuhl am Laufband vorbei, das den fitteren Zeitgenossen – bevorzugt aus der Psychosomatik – vorbehalten bleibt. Rollatoren kreuzen sich mit Krücken und mittendrin Patient F., der verzweifelt versucht, die ihm zugewiesenen Geräte wiederzufinden. Zum Glück hat jeder der Apparate eine Nummer und die ist auch in der schriftlichen Betriebsanleitung abgedruckt, die man Patient F. bei der Einführung mitgegeben hat.

Kurze Pause im Sonnenschein mit Blick über den Yachthafen. Dann geht es weiter zur klassischen Massage in der Therapiegruppe vier. Dazu muss man durch geheimnisvolle Gewölbegänge gehen, von denen aus Türen zu den spannendsten Anwendungen führen. Gesundheitsbäder, Wärmebäder und Sandbäder werden durch informative Schilder an den Türen angekündigt. Ganz zum Schluss dann Therapiegruppe vier, quasi das Schweizer Messer des Therapiezentrums in Damp. Neben Gymnastik gibt es auch zahlreiche Kabinen mit Liegen, auf denen die Kurgäste erholsame Massagen erhalten. Bislang hatte diese Aufgabe bei Patient F. immer eine nette Dame übernommen. Heute jedoch wartet ein ebenso junger, kräftiger wie putziger Mann auf seinen Einsatz. Es ist schon erstaunlich, welche Höchstleistungen solche Masseure aufbringen, um die müden Muskeln ihrer Patienten wieder in Gang zu bringen. Wie auch immer, so müssen sich Hollywoodstars fühlen, wenn sie für den nächsten Filmdreh fit gemacht werden.

90 Minuten Pause, in denen Patient F. beinahe in Tiefschlaf verfallen wäre. Der Zimmerservice, der Obst, Kaffee und Tee bringt, kann das Schlimmste verhindern. Dann erst sieben Etagen nach unten, ausnahmsweise durch das naheliegende Treppenhaus. Quer über den Parkplatz und dann wieder sieben Etagen hinauf. Natürlich hält der Aufzug an jedem Stockwerk. Es steigen krückenbewehrte Damen ein, wackelige ältere Herren aus. Aber irgendwann ist es geschafft und Patient F. läuft seinem Physiotherapeuten direkt in die Arme. Der talentierte Herr mittleren Alters – also ungefähr so alt wie Patient F. – zeigt schon seit Kurbeginn die Tipps  und Tricks, wie man mit einfachen artistischen Übungen seinen Rücken beschwerdefrei halten kann. Mit viel Erfolg, wie Patient F. bestätigen kann. Denn die Schmerzen beim Gehen im Lendenwirbelbereich sind völlig verschwunden. Was zusätzlich auch dem gerade herrschenden sommerlichen Kaiserwetter zu verdanken ist.

Gleich geht es in den Speisesaal. Patient F. hat verdrängt, was es heute geben soll. Wahrscheinlich – wie meistens – etwas Seltsames. Gestern zum Beispiel gab es Reis mit roten Bohnen. Man wurde satt davon. Anschließend ist Therapiegruppe angesagt. Verblüffend, wie man aus den Problemen anderer Menschen doch noch etwas lernen kann. Erstaunt analysiert Patient F. nämlich, dass er manche Dinge noch raffinierter verdrängt als seine Mitpatienten. Das lässt nachdenklich werden. Patient F. wird berichten.

Wird so das Mittagessen von Patient F. aussehen?

Wird so das Mittagessen von Patient F. aussehen?

Geheime Forschungsschiffe der Marine. Werden hier die Speisepläne für Damp entwickelt?

Geheime Forschungsschiffe der Marine. Werden hier die Speisepläne für Damp entwickelt?

Das Therapiezentrum. Die Rettungssanitäter kamen nicht wegen Patient F.

Das Therapiezentrum. Die Rettungssanitäter kamen nicht wegen Patient F.

Immer Wasser unter dem Kiel

Die MSC Musica, 300 m lang

Die MSC Musica, 300 m lang

Auf nach Göteborg mit der Riesenfähre

Auf nach Göteborg mit der Riesenfähre

Sonntag und damit der traditionelle Ausflugstag während der Kur in Damp. Heute geht es in die Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein, die Hafenmetropole Kiel. Knapp 60 km ist der Weg lang, der vom Ostseestrand in die Großstadt führt. Wie immer eine landschaftlich romantische und reizvolle Strecke. Viel Grün, wenig Bevölkerung. Die Straße führt auf halbem Weg auch durch das Städtchen Eckernförde. Plötzlich taucht auf der linken Straßenseite die Wasserfläche der Ostsee auf. Und ein proppevoller Badestrand. Hier zeigt sich wieder, wie widerstandsfähig die Einheimischen sind. Denn tatsächlich wagen sich einige in das 15 Grad kalte Meerwasser. Wie auch immer, die anreisenden Badegäste verursachen etwas zähflüssigen Verkehr. Aber nach knapp einer Stunde erreicht Patient F. das Ziel seiner Träume. Dank Navigationssystem, das zum Hafen führt.
Nein, Kiel ist wirklich keine allzu schöne Stadt. Zumindest nicht in der Umgebung des Hafens. Ein modernes Gebäude neben dem anderen. Man bemerkt die Anstrengungen der Architekten, aber gleichzeitig wirkt das Ensemble zwischen Bahnhof und Einkaufszentrum recht unharmonisch. Andere Straßenzüge bestehen aus recht ordentlich erhaltenen Altbauten. Hier hat der zweite Weltkrieg weit deutlichere Spuren hinterlassen als in der Beate-Uhse-Stadt Flensburg.
Laut Wegweisern ist der Hafen bald erreicht. Und Patient F. verschlägt es die Sprache. Denn plötzlich steht er vor einem monströsen Schiff. Die MSC Musica wartet darauf, ablegen zu können. Eine Kreuzfahrtmonstrosität von knapp 300 m Länge, hoch wie ein Wolkenkratzer. Knapp 1000 Personen Besatzung, 3000 Passagiere, die sich amüsieren wollen. Sicherlich eine höchst effektive Art des Seeurlaubs, aber dennoch hat das nichts mehr mit den eleganten Schiffen früherer Epochen zu tun.
Nicht ganz so groß, aber kaum weniger eindrucksvoll die beiden Nordeuropa-Fähren. Gerade im Auslaufen ist die Color Fantasy, mit knapp 220 m Länge bereit für die Reise nach Schweden. Gegenüber die Stena Germanica, ebenfalls eine Fähre, die auf der Strecke Kiel-Göteborg verkehrt. 240 m lang, 45.000 Bruttoregistertonnen und damit ungefähr in den Abmessungen der Titanic. 1300 Passagiere und 300 Autos können befördert werden. Eindrucksvoll.
Natürlich muss Patient F. seine obligatorische Schiffsreise unternehmen. Dieses Mal ist es eine zwei Stunden lange Hafenrundfahrt. Was diese Reise vom regulären Fährbetrieb unterscheidet, der auf der gleichen Route fährt, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben. Wie auch immer, die Fahrt ging auf der 23 m langen MS „Schilksee” vonstatten. Ein nicht unbedingt komfortables Fährschiff, doch die Route war recht spannend. Vorbei ging es an diversen Marineeinrichtungen, geheimen Forschungslaboratorien, Badestränden und Segelhäfen bis nach Laboe (Labö gesprochen), dem Seebad bei Kiel, das wegen des 68 m hohen Marinedenkmals, was rund 82 m über Meeresspiegel ergibt, berühmt geworden ist. Nach dem ersten Weltkrieg gebaut, Mitte der 30er-Jahre renoviert und unter Anwesenheit des GröFaZ Adolf eingeweiht. Doch Patient F. steigt nicht im hektischen Badeort aus, sondern tritt mit dem kleinen Schiff die Rückreise an, um weitere Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen zu können.
Tatsächlich begegnet man dem MSC Musica, die auf lustige Kreuzfahrt geht, diversen Frachtschiffen und unzähligen Motorbooten und Segeljachten. Vorbei geht es am Kieler Landtag bis zum Höhepunkt der Reise, dem Segelschulschiff Gorch Fock. Seit Mittelpunkt ebenso rätselhafter wie schlüpfriger Skandale hat man das stolze Boot in den Tirpizhafen geschleppt, wo es unter ständiger Aufsicht martialischer Kriegsschiffe steht. Leider sind keine reizvollen Matrosen an Bord zu sehen. Also geht es zurück zur Anlegestelle Bahnhofsbrücke, wo Patient F. gesund und ohne Seekrankheit festes Land betritt.
Ein interessanter Nachmittag, der auch die Erkenntnis brachte, dass Menschen ständig plappern müssen. Manch Elternpaar dürfte sich gerne an die Zeit erinnern, als der Nachwuchs noch nicht die Eigenschaft des Sprechen-könnens beherrschte. Wehe, dieser Punkt ist jedoch überschritten. Ohne Luftholen geht es 24 Stunden lang mit schriller Wortbeschallung los. Man sollte hoffen, dass sich die Lage im Laufe der Zeit beruhigt und die lieben Kinderlein stiller werden. Leider bleibt die Plappereigenschaft bei vielen Menschen auch bis ins fortgeschrittene Alter unvermindert vorhanden. Patient F. kann das nur bestätigen.

Die Gorch Fock, Ort schlüpfriger Skandale

Die Gorch Fock, Ort schlüpfriger Skandale