Zwischen den Meeren

Die Zeichen des Schicksals mehren sich, dass Patient F. die Heimreise antreten muss. Nachdem er nachweislich vier Wochen völlig saarländerfrei verbringen durfte, übermannte ihn kürzlich ein Erlebnis beim Abendessen, das Patient F. ausnahmsweise alleine einnehmen durfte. Plötzlich erklang von einem der Nachbartische eine laute Stimme. Ein Idiom, das Patient F. nur zu gut kennt. Schätzungsweise aus Püttlingen kam die mittelälterliche Frau, die auf ihre fassungslos blickenden Tischgenossen einredete. Fassungslos nicht etwa ob des sensationellen Inhalts des Vortrags, vielmehr aus völligem Unverständnis des Wortschwalls, welcher der Dame aus heimatlichen Gefilden nur so von den Lippen sprudelte.

Heute dann das erste Auto mit Saarland-Kennzeichen, das Patient F. seit Ankunft hier in Damp zu Gesicht bekommt. Es passierte auf dem Weg zurück von einem spannenden Ausflug, der quer durchs Land führte, als im Verkehrskreisel ein Fahrzeug mit SLS-Kennzeichen den Weg von Patient F. kreuzte. Also, die Botschaft ist unzweideutig: Patient F. wird als Journalist F., als Kulturorganisator F. oder als weltberühmter Autor F. in seiner Heimat gebraucht. Aber er wird auch Patient F. bleiben. Schließlich warten die Schwestern der Dialysestation im saarländischen Universitätsstädtchen H. schon ungeduldig auf seine Rückkehr.

Erstmals verbrachte Patient F. übrigens einen Urlaub, in dem er an den Gestaden zweier Meere stand. Denn nur 70 km Fahrt über schmale Landstraßen waren notwendig, um zur Stadt Husum an der Nordseeküste zu gelangen. Interessanterweise war gerade am Vorabend eine Dokumentation über Husum und die Umgebung im anspruchsvollen Bildungs-TV ausgestrahlt worden. Jetzt konnte Patient F. also live erleben, was über den bunten Bildschirm geflattert war.

Um es gleich vorweg zu sagen, der Kameramann war kreativ und geschickt. Denn in Wahrheit sieht alles deutlich weniger dramatisch aus als zu später Nachtstunde im TV. Zunächst wollte Patient F. das Meer sehen und lenkte sein Fahrzeug daher zu Insel Nordstrand, die nur wenige Kilometer von Husum gelegen ist. Insel ist allerdings eher eine Beschreibung der Vergangenheit. Einst war Nordstrand nämlich Teil einer großen Landmasse namens Strand, die bei einer legendären Sturmflut zunächst im 14, und dann endgültig im 17. Jahrhundert vom Meer verschluckt worden war. Auch die sagenumwobene Stadt Rungholt lag vor der heutigen Küste der Insel. Ein breiter Damm führt bereits seit den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts zur Insel. Und 1987 hat man dem Meer so viel Land abgerungen, dass Nordstrand zur Halbinsel wurde und die Fahrt dorthin ein Kinderspiel ist. Landschaftlich führt diese Reise durch eine überdimensionale Wiese, auf der unzählige Schafe und Kühe weiden. Jetzt, wo sich das Gras gelb und verdorrt präsentierte, fühlte man sich an das Märchen „Die Regentrude“ erinnert, die laut ihrem Verfasser Theodor Storm einst einschlief und das Land dem Feuermann überließ.

Dunst ist die Welle,

Staub ist die Quelle!

Stumm sind die Wälder,

Feuermann tanzet über die Felder!

 

Nimm dich in acht!

Eh du erwacht,

Holt dich die Mutter

Heim in die Nacht!

Heißt es in der Geschichte, in der Storm wohl seine Heimat beschrieb, die genau in der von Patient F. besuchten Gegend lag.

Bild

An der Nordseeküste, ausnahmsweise mal bei Flut

Am Ende der Reise gelangte Patient F. zum Hafen, in dem ein Schiff auf Inselkreuzfahrt gerade auf Reisen ging. Schade, dass der begeisterte Schifffahrer nur wenige Minuten zu spät kam, um eine fünfstündige Reise nach Pellworm, Föhr und Sylt zu unternehmen.

Daher ging es zurück nach Husum, die der berühmteste Sohn des Ortes als „Graue Stadt am Meer“ bezeichnete. Was Theodor Storm (1817-1888) über die Stadt schrieb, in der er geboren wurde und einen großen Teil des Lebens verbrachte, war eine herbstliche Impression. Jetzt bei sommerlichem Sonnenschein wirkte der Ort deutlich freundlicher. Repräsentative Bürgerhäuser säumten die Straßen und auch das Elternhaus von Storm war schnell gefunden. Dennoch fällt es leicht, sich vorzustellen, wie Husum wirkt, wenn herbstliche Nebelbänke die Straßen bedecken und kalter Wind den Aufenthalt im Freien unangenehm macht.

BildHusum gibt es schon lange Zeit…

Um sich vom anstrengenden Ausflug auszuruhen, nahm Patient F. in einem Eiscafé  Platz, das leider nur Waren von mäßiger Qualität anbot. Gegenüber dem Tisch im Freien, an dem der tapfere Reisende Platz genommen hatte, war ein großer Marktstand aufgebaut, der Obst und Gemüse feilbot. Ab und an drang aus Richtung dieses Wagens eine schrille, männliche Stimme, die Worte blieben völlig unverständlich. Es stellte sich heraus, dass die bäuerlichen Betreiber des Marketenderwagens ihren ebenso alten wie senilen Großvater dabei hatten. Und der tat das, was er seit Jahrzehnten getan hatte: er pries die Waren an. Sein Geisteszustand erlaubte es ihm nicht mehr, sprachliche Rücksicht auf die fremden Besucher seiner Stadt zu nehmen.

Bild

Elternhaus von Theodor Storm

Schon nach kurzer Zeit entfloh Patient F. dem innerstädtischen Treiben, das nicht nur durch die wenigen Einheimischen, sondern auch durch die Touristenmassen hervorgerufen wurde. Das erkannte man unter anderem an den Andenkenläden, die unglaublich hässliche und unnütze Dinge verkaufen. Aschenbecher und anderes Geschirr mit bunten Bildern von der Nordsee, lustige Tierfiguren, vorzugsweise Robben und Möwen, Bilder im Rahmen zur Verschönerung der heimatlichen Wohnung und andere Dinge, deren Sinn und Zweck sich nicht auf den ersten Blick erkennen lässt. Patient F. betrat diesen Laden nur um eine Danke-Karte für die Dialyse zu kaufen. So viel zu seiner Verteidigung.

Zurück zum Patientenfahrzeug und vorbei am Elternhaus von Storm. Dann das zugegebermaßen recht eigenwillige Navigationsgerät programmiert und los ging es durch Gassen und enge Straßen, jenseits der viel befahrenen Wege. Zum Glück, denn auf diese Art kam Patient F. auch am Schloss von Husum vorbei. Dem größten in Norddeutschland, umgeben von einem verwunschenen Park.

Bild

Schloss von Husum, nicht mehr ganz neu

Auf dem Rückweg über verschlungene Landstraßen, welche die Federung des Autos arg auf die Probe stellten, noch einen Abstecher zu Lidl. Schließlich brauchte Patient F. ein paar Kleinigkeiten zum Nachtessen. In Damp war das Büffet wegen Zeitverpassens gesperrt. Zum Abschluss des Tages gemütlich eine weitere Folge von „Der Landarzt“ im Fernsehen angeschaut. Schließlich spielt die Handlung genau in der Gegen um Damp. Wobei man das Ferien- und Kurparadies niemals zu sehen bekommt. Denn zur Ostseeromantik passen nun einmal mit Reet gedeckte Häuser besser als futuristische Architekturvisionen der 70er-Jahre.

Advertisements

4 Gedanken zu “Zwischen den Meeren

  1. toller bericht und so anschaulich …
    helgoland ist mir auch eingefallen … *kicher*
    ich hoffe, du bloggst auch daheim wieder weiter, auch als ex-kurgast. ich mag, wie du schreibst.

    🙂

    • Also ich hatte nur die chinesische Schreibweise der Hummerbuden verwendet. Also Hummelbuden. Immerhin sind die Chinesen die größte Menschengruppe.
      Dennoch, mit den Steckbriefen hast Du sicherlich Recht…
      Vielleicht hängt der auch auf den anderen Inseln. Uff, gerade noch davongekommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s